Die Kassen bezahlen Prämien von zehn Euro je  Fall für Ärzte, wenn sie den Patienten auf dem Papier kränker machen. Es gebe sogar Verträge mit Ärztevereinigungen, die mehr und schwerwiegendere Diagnosen zum Ziel hätten.

 

Die Krankenkassen schummeln im großen Stil bei der Abrechnung von Leistungen. Der Chef der größten deutschen Krankenkasse TK, Jens Baas, räumt im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (Ausgabe vom 9.Oktober) ein: "Es ist ein Wettbewerb zwischen den Kassen darüber entstanden, wer es schafft, die Ärzte dazu zu bringen, für die Patienten möglichst viele Diagnosen zu dokumentieren". Dann gebe es mehr Geld aus dem Risikostrukturausgleich. "Die Kassen bezahlen zum Beispiel Prämien von zehn Euro je  Fall für Ärzte, wenn sie den Patienten auf dem Papier kränker machen." Es gebe sogar Verträge mit Ärztevereinigungen, die mehr und schwerwiegendere Diagnosen zum Ziel hätten. Die Kassen ließen sich zudem in dieser Richtung von Unternehmensberatern beraten.


Für all das hätten die Kassen seit 2014 eine Milliarde Euro ausgeben, die für die Behandlung der Patienten fehle, sagt Baas der Zeitung weiter. Besonders intensiv würde die regionalen Kassen diese Schummelei betreiben. "Sie bekommen 2016 voraussichtlich eine Milliarde Euro mehr als sie für die Versorgung ihrer Versicherten benötigen." Baas meint dabei offenbar die AOKs. Aber auch seine Kasse könne sich dem nicht entziehen. Die Ersatzkassen, zu der auch die TK gehört, bekämen trotzdem 2016 700 Millionen Euro weniger als sie tatsächlich bezahlen müssen. Ohne die Manipulationen könnte der Beitragssatz der TK 0,3 Prozentpunkte niedriger liegen.


Zwischen dem Bundesversicherungsamt und den Landesaufsichten gäbe es Unterschiede in der Berurteilung, ob die Praxis illlegal sei. Er deutet damit an, dass die Landesaufsichten ihre regionalen Kassen schützen wollten. "Ich möchte, dass das System manipulationsresistent gemacht wird", sagte Baas zur Begründung, warum er die Schummeleien seiner und der anderen Kassen öffentlich macht. 


Baas kritisiert in dem Interview mit der F.A.S. zudem die Bundesregierung. Sie wolle die Beiträge im Wahljahr 2017 stabil halten, indem sie den Kassen aus dem Gesundheitsfonds 1,5 Milliarden Euro überweist und das mit den Kosten für die Behandlung von Flüchtlingen begründet. "Die Flüchtlinge sind ein vorgeschobener Grund. Das ist unverantwortlich, weil es unnötig Ressentiments gegenüber Migranten schürt." Die Kassen hätten noch fast gar keine Zusatzkosten, weil die Kommunen derzeit meist noch die Gesundheitskosten trügen.

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