Im Jahr 2016 wird deutschlandweit mit mehr als 62.000 Darmkrebs-Neuerkrankungen gerechnet, wobei Männer in der Regel öfter betroffen sind als Frauen.

Von Dr. Birgit Gergelyfy

Das ist eine große Zahl und fast die Hälfte stirbt daran! Diese Zahlen zeigen zwar eine fallende Tendenz im Gegensatz zu jenen von 2012, sind aber dennoch alarmierend. Nach wie vor nehmen viele Menschen die Möglichkeiten zur Darmkrebs-Vorsorge nicht wahr, dabei steht mit der Darmspiegelung eine einfache und höchst effektive Methode zur Verfügung, um bereits kleinste Vorstufen von Darmtumoren (sog. Darmpolypen) zu entdecken und problemlos zu entfernen.

Wie entsteht Darmkrebs?

Normalerweise teilen sich Zellen so lange, bis ihnen der genetische Code einen Stopp vorgibt. Krebszellen haben diesen Mechanismus nicht, da in ihrer DNA ein Fehler vorliegt. Ob dieser genetisch bedingt ist und alle Zellen betrifft, eine zufällige Mutation vorliegt oder die Krankheit durch den persönlichen Lebensstil entsteht, unterscheidet sich von Fall zu Fall. Die mutierten Zellen wachsen unkontrolliert und wenn das Immunsystem das bösartige Wachstum nicht erkennt und eliminiert, zerstören diese Zellen das umliegende gesunde Gewebe.

Als Darmkrebs wird meistens ein Tumor im Dick- oder Enddarm bezeichnet. Der Tumor entsteht in der Regel in der Schleimhaut der Darmwand und kann sowohl in den Darm hineinwachsen und diesen irgendwann verschließen, als auch über den Darm hinauswuchern. Darmkrebs entwickelt sich in fast allen Fällen sehr langsam, deshalb kann eine regelmäßige Vorsorge vor dem Ausbruch der Krankheit schützen.

Darmspiegelung als Vorsorge

Bei einer Darmspiegelung (Koloskopie) können bereits kleinste Vorstufen von Darmkrebs gefunden und problemlos entfernt werden. Diese sogenannten Polypen sind kleine Geschwülste, die aus der Darmwand wachsen und zu Beginn gurtartig sind. Über die Dauer mehrerer Jahre kann ein Polyp wachsen und das Entartungsrisiko steigt zunehmend, so dass aus einem vormals harmlosen kleinen Polypen über mehrere Entwicklungsstufen schließlich Darmkrebs werden kann. Laut einer kürzlich im Fachmagazin „Gastroenterology“ erschienenen Studie finden Ärzte im Rahmen der Vorsorge-Koloskopie bei 31 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen derartige Polypen, also Krebsvorstufen.

Vor einer Darmspiegelung muss der Darm gereinigt werden. Das geschieht durch das Trinken einer Abführlösung und reichlich klarer Flüssigkeit (Wasser, Tee, klare Brühe) in aller Regel am Abend vor der Untersuchung und nochmal am Untersuchungstag fünf Stunden vor dem Untersuchungstermin. Durch diese „zweigeteilte“ Vorbereitung wird das beste Reinigungsergebnis erzielt – je besser der Darm gespült ist, desto besser sind auch kleinste Polypen von 2-3 mm Größe zu entdecken, die bei schlechter Vorbereitung leicht unter den Stuhlresten übersehen werden können. Aus diesem Grund ist es wichtig, gewissenhaft abzuführen. Denn ist der Darm nicht gründlich gereinigt, muss die Spiegelung an einem anderen Tag wiederholt werden.

Sie werden die Untersuchung nicht als unangenehm empfinden. Da Sie in einen kurzen angenehmen Dämmerschlaf versetzt werden, müssen Sie auch keine Angst vor Schmerzen haben. Während der Untersuchung werden Blutdruck, Puls und die Sauerstoffsättigung in Ihrem Blut sorgfältig überwacht. Einige Patienten bevorzugen eine Untersuchung ohne diese leichte Narkose, dies besprechen Sie am besten mit Ihrem Arzt. Mit Hilfe eines dünnen biegsamen Schlauches, an dessen Ende eine winzige Kamera sitzt, kann nun der Darm untersucht werden. Falls Gewebeproben entnommen oder Polypen entfernt werden müssen, können über den Schlauch kleine Instrumente eingebracht werden. Die Darmspiegelung gilt als sehr sichere Untersuchung, das Risiko einer relevanten Blutung oder gar einer Darmverletzung ist sehr gering.

Kapselendoskopie

Bei einer Kapselendoskopie schlucken Sie eine kleine unverdauliche Kapsel, die in regelmäßigen Abständen Bilder von Ihrem Verdauungstrakt macht und an einen Computer schickt. Eine Darmreinigung ist auch bei dieser Methode unerlässlich. Die Kapselendoskopie wird vorwiegend für die Teile des Dünndarms eingesetzt, die mittels Magen- und Darmspiegelung nicht einsehbar sind. Der obere Dünndarm (Zwölffingerdarm) ist im Rahmen der normalen Magenspiegelung zu erreichen, der untere Dünndarm (terminales Ileum) ist über die Darmspiegelung einsehbar: Rechts unten im Bauch in der Blinddarmgegend, dort wo der Dickdarm beginnt, befindet sich eine Klappe, die der Untersucher mit dem Schlauch passieren kann, um den unteren Dünndarmanteil zu inspizieren. Kleine Polypen unter 8 mm können mit einer Kapselendoskopie leicht übersehen werden bzw. gefundene Polypen müssen in einer nachträglichen Darmspiegelung entfernt werden. Die Kapselendoskopie ist also ausdrücklich keine geeignete Methode zur Krebsvorsorge.

Stuhltest

Darmtumore sondern häufig Blut ab, allerdings handelt es sich hierbei oft um so kleine Mengen, dass sie mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen sind. Ein Test auf sogenanntes okkultes (verstecktes) Blut im Stuhl (Haemoccult) kann ein erster Anhaltspunkt sein. Der Arzt gibt Ihnen drei Testbriefchen mit, auf die Sie an verschiedenen Tagen kleine Proben des Stuhls aufbringen. Diese Briefchen werden im Labor ausgewertet und zeigen an, ob Blut im Stuhl ist. Ein positiver Befund muss jedoch nicht sofort auf einen Tumor hindeuten: Hämorrhoiden oder Entzündungen können ebenfalls verantwortlich für das Blut sein. Welche Lebensmittel Sie meiden sollten, während Sie den Test durchführen, wird der Arzt mit Ihnen besprechen. Frauen sollten den Test nicht unmittelbar vor, während oder nach ihrer Periode durchführen.

Besser zur Darmkrebsvorsorge ist ein kombinierter Test (ScheBo-Test), der aus zwei unterschiedlichen Komponenten besteht und sowohl auf ein Schlüsselenzym bei Polypen und Darmtumoren (M2-PK) untersucht als auch einen immunologischen „Blut-im-Stuhl“-Nachweis erbringt. Mit diesem Stuhltest wird eine noch größere Empfindlichkeit beim Aufspüren verdächtiger Veränderungen erreicht und es genügt eine einzige Probe. Anhand der kombinierten Testung von M2-PK (Enzymtest) und Hb (Blut) ist es möglich, sowohl blutende als auch nicht blutende Darmpolypen oder -tumore zu erfassen. Dieser Test wird von den gesetzlichen Krankenkassen derzeit noch nicht bezahlt, während die privaten Kassen ihn in aller Regel erstatten.

Krebsfaktoren im Alltag

Es zeigt sich zunehmend ein Zusammenhang zwischen einem bestimmten Lebensstil und einem erhöhten Krebsrisiko. So fördert übermäßiger Alkoholkonsum das Risiko ebenso wie der Verzehr von zu viel Fett, rotem Fleisch und Wurstwaren. Helle Fleischsorten – also im Wesentlichen Geflügel – zeigen hingegen keine negativen Auswirkungen. Auch Rauchen, das eher mit Lungenkrebs in Verbindung gebracht wird, kann die Entstehung von Darmkrebs begünstigen.

Sport und Bewegung sind als Schutzfaktoren nicht zu unterschätzen: 30 bis 60 Minuten Bewegung pro Tag senken bereits das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken. Es geht hierbei nicht um schweißtreibenden Ausdauersport – bereits ein flotter Spaziergang hilft. In direktem Zusammenhang mit mangelnder Bewegung und ungesunder Ernährung steht meist Übergewicht. Die Tatsache, dass Übergewicht ein Risikofaktor für die Entstehung von Krebs ist, ist unter Laien noch weitgehend unbekannt. Tatsächlich steigt mit zunehmendem Übergewicht das Risiko für bestimmte Krebsarten wie beispielsweise Dickdarmkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs, Brustkrebs und mehr, merklich an. Selbstverständlich werden durch ungesunde Ernährung, mangelnde Bewegung und Übergewicht auch andere Erkrankungen wie Diabetes, Arteriosklerose, Herzinfarkt und Schlaganfall begünstigt.

Patienten, die bei einer früheren Untersuchung schon einmal einen Darmpolyp hatten oder in deren Familie nahe Verwandte Darmpolypen hatten oder an Darmkrebs erkrankt sind, haben ein erhöhtes Risiko für Darmkrebs und müssen häufiger untersucht werden. Dasselbe gilt für Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (Colitis ulcerosa, Morbus Crohn).

Persönlicher Lebensstil und die Darmspiegelung als Grundbausteine der Vorsorge

Die wichtigsten Punkte der Krebsvorsorge setzen sich aus einem gesunden Lebensstil mit ausreichender Bewegung, Verzicht auf Tabakkonsum, wenig Alkohol und einer ballaststoffreichen Ernährung mit viel Obst und Gemüse einerseits und der Vorsorgeuntersuchung mittels regelmäßiger Darmspiegelung andererseits zusammen. So unbequem die Vorbereitung für eine Darmspiegelung erscheinen mag: Was sind ein paar Stunden Abführen gegen eine große Operation und möglicherweise eine anschließende monatelange Chemotherapie?

Nutzen Sie diese Vorsorgemöglichkeit, denn wenn bei einer Kapselendoskopie oder einer virtuellen Darmspiegelung mittels Computertomographie und Magnetresonanztherapie Unklarheiten auftreten oder Polypen entdeckt werden, müssen diese im Nachhinein doch durch eine zusätzliche Darmspiegelung entfernt werden. Die „klassische“ Darmspiegelung bleibt also nicht aus und Sie müssen möglicherweise zweimal innerhalb kurzer Zeit zum Abführmittel greifen.

Fazit: An Darmkrebs müsste heute keiner mehr sterben, wenn die Möglichkeit zur Vorsorge-Koloskopie konsequent genutzt würde. Seit ihrer Einfürung im Jahr 2002 hat aber nur jeder fünfte Erwachsene über 50 Jahren die Chance zur Darmkrebsvorsorge ergriffen.

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